Das Missverständnis von Selbstbewusstsein
Das Missverständnis von Selbstbewusstsein

Ich höre bei Frauen – besonders bei Führungskräften – häufig den Wunsch,
selbstbewusst zu sein.
Gemeint ist dann oft Stärke.
Härte.
Durchsetzungskraft.
Kompromisslosigkeit.
Das Bild dahinter ist klar:
alles im Griff haben,
unangreifbar sein,
als starke Frau wahrgenommen werden.
Selbstbewusstsein wird dabei leicht mit einem inneren Panzer verwechselt.
Ich verstehe Selbstbewusstsein anders.
Nicht als etwas, das man sich aneignet,
sondern als etwas, dem man sich zuwendet.
Selbstbewusstsein bedeutet für mich,
sich seiner selbst bewusst zu sein.
Sich in der eigenen Ganzheit wahrzunehmen.
Mit Gedanken und Gefühlen.
Mit Wünschen und Grenzen.
Mit Prägungen, Verboten, Geboten und Meinungen.
Mit dem, was gelernt wurde –
und dem, was aus einer tieferen Quelle kommt.
Aus dieser Wahrnehmung entsteht Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.
Nicht als Härte.
Sondern als Klarheit.
Stärken und Schwächen dürfen gleichzeitig existieren.
Nichts muss verdeckt werden,
um handlungsfähig zu sein.
Erst hier beginnt Selbstführung.
Selbstführung heißt,
eine Situation im Hier und Jetzt wahrzunehmen,
ohne sich abzulenken.
Ehrlich zu erkennen:
Wie fühle ich mich gerade?
Was ist tatsächlich da?
Unsicherheit.
Angst.
Überforderung.
Rückzug.
Oder auch:
Freude.
Klarheit.
Entschlossenheit.
Diese Wahrnehmung ist kein Hindernis für Handlung.
Sie ist ihre Voraussetzung.
Aus diesem Bewusstsein heraus
werden Entscheidungen möglich.
Nicht als Reaktion.
Nicht aus Druck.
Nicht, um Zustände zu vermeiden.
Sondern als bewusste Wahl.
Eine Wahl,
sich selbst nicht zu verlassen.
Sich zu halten.
Und aus innerer Ordnung zu handeln.
Selbstbewusstsein bedeutet,
nicht darauf zu warten,
dass Gefühle „vorbeigehen“
oder man sich wieder sicher fühlt.
Sondern sich führen zu können,
während sie da sind.
Nicht Unsicherheit führt dann.
Nicht Angst.
Nicht Anpassung.
Sondern ich.
In diesem Bewusstsein wird sichtbar,
wo ich mich verloren habe:
in Erwartungen,
in anderen Menschen,
in Situationen,
die nicht dem entsprechen,
was sie zu sein scheinen.
Vielleicht auch dort,
wo Bindung aufrechterhalten wurde,
anstatt Beziehung zu leben.
Selbstbewusstsein heißt,
zu sich zurückzukehren
und sich ehrlich zu begegnen.
Auch dann,
wenn das unbequem ist.
Nicht, um stärker zu wirken.
Nicht, um sich zu optimieren.
Sondern um sich selbst führen zu können.
